DIN ISO 24495-1

04.05.2026

DIN ISO 24495-1 – die ISO-Norm für Plain Language

Die DIN ISO 24495-1 ist die erste internationale ISO-Norm für Plain Language. Veröffentlicht 2023 von der International Organization for Standardization (ISO) und in Deutschland als DIN ISO 24495-1:2023 übernommen, beendet die ISO-Norm eine seit Jahrzehnten bestehende Lücke im internationalen Normenwerk: Erstmals existiert ein global gültiger ISO-Standard, der die Grundsätze von Plain Language definiert und konkrete Leitlinien für die Anwendung in Texten und Dokumenten liefert.

Der vollständige Titel der ISO-Norm lautet "Plain language – Part 1: Governing principles and guidelines" – die DIN ISO 24495-1 ist also Teil 1 einer mehrteiligen ISO-Reihe. Sie definiert vier Grundsätze von Plain Language und liefert detaillierte Regeln, Empfehlungen und Leitlinien für die Erstellung verständlicher Inhalte. Anders als die DIN SPEC 33429, die ausschließlich Leichte Sprache regelt, zielt die ISO 24495-1 auf das gesamte Spektrum verständlicher Kommunikation für die breite Leserschaft – etwa auf B1-Niveau.

Die ISO-Norm ist sprachunabhängig konzipiert: Ihre Grundsätze gelten gleichermaßen für Deutsch, Englisch, Französisch oder jede andere Sprache. Sprachspezifische Regeln werden bewusst nicht in der Hauptnorm festgelegt, sondern bleiben jeweiligen nationalen Festlegungen überlassen. Damit wird die DIN ISO 24495-1 zur ersten echten internationalen Referenz für verständliche Kommunikation – relevant für Behörden, Unternehmen, NGOs und alle Organisationen, die schriftlich mit Menschen kommunizieren.

DIN ISO 24495-1 auf einen Blick

  • Veröffentlichung: Juni 2023 (ISO), DIN-Übernahme als DIN ISO 24495-1:2023.
  • Inhalt: Vier Grundsätze für Plain Language plus Leitlinien für die praktische Anwendung in Dokumenten.
  • Sprachniveau: Etwa B1 – verständliche Kommunikation für eine breite Leserschaft.
  • Sprachen: Sprachunabhängig – die Grundsätze gelten universell, sprachspezifische Festlegungen bleiben nationalen Normen vorbehalten.
  • Status: Teil 1 einer ISO-Reihe – weitere Teile zu speziellen Anwendungsbereichen sind in Arbeit.

Die vier Grundsätze von Plain Language nach ISO 24495-1

Im Zentrum der DIN ISO 24495-1 stehen vier Grundsätze, die das Wesen von Plain Language auf den Punkt bringen. Ein Text gilt nach der ISO-Norm dann als Plain Language, wenn die Leserschaft bei der ersten Lektüre vier Dinge erreichen kann:

  • 1 Relevanz – relevante Inhalte erkennen: Die Leserschaft erkennt sofort, ob die Inhalte für sie relevant sind. Die ISO-Norm fordert klare Signale zur Relevanz von Texten und Dokumenten.
  • 2 Auffindbarkeit – Inhalte finden: Menschen können die Informationen finden, die sie suchen. Die Auffindbarkeit relevanter Stellen in Dokumenten ist ein zentraler Grundsatz der DIN ISO 24495-1.
  • 3 Verständlichkeit – Inhalte verstehen: Die Leserschaft versteht den Inhalt der Texte beim ersten Lesen. Wortwahl und Satzbau müssen für die Zielgruppe verständliche Kommunikation ermöglichen.
  • 4 Anwendbarkeit – Inhalte nutzen: Die Leserschaft kann mit den Inhalten das tun, was sie braucht. Die Anwendbarkeit der Inhalte ist der vierte und entscheidende Grundsatz der ISO-Norm.

Diese vier Grundsätze – Relevanz, Auffindbarkeit, Verständlichkeit und Anwendbarkeit – klingen einfach. Ihre konsequente Umsetzung verändert jedoch die gesamte Textkultur einer Organisation. Die ISO 24495-1 verlangt von Autoren, nicht aus eigener Perspektive zu schreiben, sondern aus Sicht der Leserschaft.

Konkrete Leitlinien und Regeln der ISO-Norm

Die DIN ISO 24495-1 belässt es nicht bei abstrakten Grundsätzen. Sie liefert detaillierte Leitlinien, Regeln und Empfehlungen zu fünf Bereichen, die zusammen den Werkzeugkasten für Plain Language bilden:

  • Leserschaft-Analyse: Vor dem Schreiben muss klar sein, welche Menschen die Texte lesen werden und mit welchem Ziel. Sprache, Tonalität und Detailtiefe richten sich nach der definierten Leserschaft.
  • Wortwahl-Regeln: Die ISO-Norm empfiehlt vertraute, kurze und konkrete Wörter. Fachbegriffe werden vermieden oder erklärt. Abkürzungen werden bei der ersten Erwähnung in Dokumenten ausgeschrieben.
  • Satzbau-Leitlinien: Aktive Verben statt Passiv-Konstruktionen, kurze Sätze mit klarer Struktur, Vermeidung von Schachtelsätzen – das sind die zentralen Regeln der DIN ISO 24495-1 für den Satzbau.
  • Textstruktur: Logischer Aufbau mit aussagekräftigen Überschriften, kurzen Absätzen, Listen und Hervorhebungen. So wird die Auffindbarkeit relevanter Inhalte in den Texten gewährleistet.
  • Test und Iteration: Inhalte werden mit echten Lesern getestet. Verständnishürden werden iterativ behoben – Plain Language nach ISO 24495-1 ist ein Prozess, kein einmaliger Akt.

Abgrenzung zu anderen Normen und Konzepten

Im deutschen Sprachraum existieren mehrere Normen und Konzepte rund um verständliche Kommunikation. Die DIN ISO 24495-1 ordnet sich klar zwischen ihnen ein – mit eigenem Anwendungsbereich und eigener Leserschaft:

  • DIN ISO 24495-1 vs. Einfache Sprache: Die ISO-Norm ist das normative Fundament unter dem Konzept der Einfachen Sprache. Beide arbeiten auf etwa B1-Niveau, beide adressieren die breite Leserschaft. Die ISO 24495-1 gibt der bisher uneinheitlichen Praxis der Einfachen Sprache eine verbindliche internationale Referenz mit klaren Grundsätzen.
  • DIN ISO 24495-1 vs. Leichte Sprache: Leichte Sprache geht deutlich weiter als Plain Language nach ISO. Sie liegt auf A1- bis A2-Niveau und richtet sich speziell an Menschen mit Lernschwierigkeiten. Die DIN ISO 24495-1 ersetzt Leichte Sprache nicht, sondern ergänzt sie als ISO-Standard für eine breitere Leserschaft.
  • DIN ISO 24495-1 vs. DIN SPEC 33429: Die DIN SPEC 33429 reglementiert ausschließlich Leichte Sprache und enthält sprachspezifische Regeln für das Deutsche. Die DIN ISO 24495-1 ist sprachunabhängig und deckt das breitere Feld der Plain Language ab. Beide Normen ergänzen sich – Organisationen können beide gleichzeitig anwenden, je nach Leserschaft und Inhaltstyp.
  • DIN ISO 24495-1 vs. WCAG 3.1.5: Das WCAG-Erfolgskriterium 3.1.5 (Leseniveau) auf AAA-Stufe fordert eine ergänzende einfachere Version, wenn ein Text höheres Niveau erfordert. Die ISO-Norm liefert die Methodik, um diese einfachere Version normgerecht zu erstellen.

Anwendungsbereiche und Anwendbarkeit der ISO-Norm

Die DIN ISO 24495-1 ist universell einsetzbar – ihre Anwendbarkeit erstreckt sich auf alle Bereichen der schriftlichen Kommunikation. Überall dort, wo Texte und Dokumente auf eine breite oder heterogene Leserschaft treffen, liefert die ISO-Norm den methodischen Rahmen. In der Praxis haben sich besonders fünf Bereiche als zentrale Anwendungsfelder etabliert:

  • Behörden und öffentliche Verwaltung: Bescheide, Anträge, Informationsschreiben und Webportale profitieren massiv von Plain Language nach ISO 24495-1. Bürgerverständliche Verwaltung wird zur Realität, wenn die ISO-Norm konsequent in allen Dokumenten angewendet wird.
  • Banken, Versicherungen, Finanzdienstleister: Versicherungsbedingungen, Vertragsklauseln und Produktinformationen sind klassische Beispiele für unverständliche Texte. Die DIN ISO 24495-1 liefert die Methodik, um diese Inhalte verständlich zu machen – ohne juristische Präzision zu verlieren.
  • Gesundheitswesen: Patientenaufklärung, Beipackzettel und Behandlungsinformationen müssen für alle Menschen verständlich sein, weil sie über Therapietreue und Behandlungserfolg entscheiden. Die ISO-Norm bietet einen evidenzbasierten Rahmen für diese Texte.
  • E-Commerce und Konsumgüter: Allgemeine Geschäftsbedingungen, Widerrufsbelehrungen, Datenschutzerklärungen und Produktbeschreibungen werden durch Plain Language verständlicher – mit messbaren Effekten auf Conversion-Rate und Kundenzufriedenheit.
  • Bildungseinrichtungen und NGOs: Informationsmaterialien, Beratungsangebote und Kampagneninhalte erreichen ihre Leserschaft nur, wenn sie verständliche Kommunikation umsetzen. Die DIN ISO 24495-1 liefert das methodische Rückgrat dafür.

DIN ISO 24495-1 und digitale Barrierefreiheit

Verständliche Kommunikation ist ein Kernbestandteil digitaler Accessibility. Wer eine Website für alle Menschen zugänglich machen will, kann nicht bei technischen Aspekten wie Alt-Texten und Tastaturbedienung stehen bleiben – die sprachliche Zugänglichkeit der Inhalte ist ebenso entscheidend. Die DIN ISO 24495-1 liefert dafür den international anerkannten ISO-Standard.

Im Kontext des Barrierefreiheitsstärkungsgesetzes (BFSG) ist die ISO-Norm zwar nicht explizit gefordert, kann aber als methodischer Nachweis für die Erfüllung der Anforderungen dienen. Wer Inhalte und Dokumente nach DIN ISO 24495-1 erstellt, erfüllt automatisch viele der WCAG-Anforderungen rund um Verständlichkeit – insbesondere die Erfolgskriterien 3.1.3 (ungewöhnliche Wörter), 3.1.4 (Abkürzungen) und 3.1.5 (Leseniveau).

Für öffentliche Stellen, die unter die BITV 2.0 fallen, ergänzt die DIN ISO 24495-1 die bestehenden Anforderungen an Leichte Sprache. Während die Leichte Sprache für Menschen mit Lernschwierigkeiten zwingend ist, deckt die ISO-Norm die Standardkommunikation für die breite Leserschaft ab. So entsteht eine durchgängige Strategie verständlicher Sprache über alle Zielgruppen hinweg.

Anwendung der DIN ISO 24495-1 in vier Phasen

Die Einführung der DIN ISO 24495-1 in einer Organisation erfolgt typischerweise in vier Phasen. Jede Phase setzt die Grundsätze und Leitlinien der ISO-Norm in konkrete Schritte um:

  • 1 Analyse-Phase: Bestehende Texte und Dokumenten werden gegen die Grundsätze der ISO-Norm geprüft. Verständnishürden, Fachjargon, lange Sätze und unklare Strukturen werden identifiziert. Die Auffindbarkeit relevanter Inhalte wird systematisch überprüft.
  • 2 Schulung von Autoren: Redakteure, Fachexperten und Führungskräfte werden in den Plain-Language-Methoden der DIN ISO 24495-1 geschult. Die ISO-Norm wird zur gemeinsamen Referenz für alle Autoren im Team.
  • 3 Überarbeitung der Inhalte: Bestehende Schlüsseltexte werden systematisch nach den Leitlinien der ISO 24495-1 überarbeitet – beginnend mit den meistgelesenen oder rechtlich relevantesten Dokumenten.
  • 4 Verstetigung: Plain Language wird in Redaktionsprozesse, Style Guides und Qualitätssicherung verankert. Regelmäßige Tests mit echten Menschen aus der Leserschaft stellen die nachhaltige Anwendung der DIN ISO 24495-1 sicher.

SiteCockpit Lösung

Plain Language im Web automatisch prüfen

Mit easyMonitoring prüfen Sie Ihre Website-Inhalte gegen die WCAG-Kriterien rund um Verständlichkeit – inklusive Sprachauszeichnungen, Leseniveau-Hinweisen und Strukturqualität von Texten. Das Tool erkennt fehlende Sprachattribute, prüft die Konsistenz vereinfachter Versionen und dokumentiert die Anwendung im Rahmen der Barrierefreiheitserklärung über easyStatement. Die redaktionelle Überarbeitung nach DIN ISO 24495-1 bleibt eine sprachlich-fachliche Aufgabe für Autoren – aber die technische Einbettung der Inhalte lässt sich automatisieren.

easyMonitoring kennenlernen →

Bedeutung der DIN ISO 24495-1 für die Zukunft

Die Veröffentlichung der DIN ISO 24495-1 markiert einen Wendepunkt im Umgang mit verständlicher Kommunikation. Erstmals existiert ein international anerkannter ISO-Standard, der Plain Language aus dem Bereich subjektiver Empfehlungen heraushebt und in einen verbindlichen methodischen Rahmen mit klaren Grundsätzen überführt.

Für Organisationen bedeutet die ISO-Norm zweierlei: einen Maßstab, an dem die eigene Kommunikation gemessen werden kann, und ein Werkzeug, mit dem die Verbesserung der Inhalte systematisch erfolgen kann. Wer in den nächsten Jahren in zugängliche Texte und Dokumente investiert, hat mit der DIN ISO 24495-1 erstmals eine globale Referenz, die internen Stakeholdern, externen Prüfstellen und der Leserschaft gleichermaßen verständlich ist.

Mit weiteren Teilen der ISO-24495-Reihe, die als Teil 2 und Teil 3 bereits in Vorbereitung sind, wird das Themenfeld in den kommenden Jahren weiter ausgebaut. Plain Language entwickelt sich damit von einem nice-to-have zu einer normgestützten Disziplin – mit messbaren Auswirkungen auf Verwaltung, Wirtschaft und Gesellschaft.

Häufige Fragen zur DIN ISO 24495-1

Wo kann ich die DIN ISO 24495-1 beziehen?

Die DIN ISO 24495-1:2023 ist über den Beuth-Verlag (heute DIN Media) erhältlich. Sie kann als PDF oder Print-Version erworben werden. Eine kostenlose Vollversion stellt die ISO selbst nicht bereit.

Gibt es eine Zertifizierung nach DIN ISO 24495-1?

Aktuell existiert keine offizielle Zertifizierung der Konformität mit der ISO-Norm. Organisationen können sich aber an den Grundsätzen orientieren und die Anwendung intern oder durch externe Audits dokumentieren – etwa als Bestandteil eines Accessibility-Berichts.

Wie verhält sich die DIN ISO 24495-1 zur DIN SPEC 33429?

Die DIN SPEC 33429 regelt Leichte Sprache (A1/A2, deutsche sprachspezifische Regeln). Die DIN ISO 24495-1 regelt Plain Language (etwa B1, sprachunabhängig). Beide ergänzen sich und können parallel angewendet werden.

Erfüllt eine nach DIN ISO 24495-1 verfasste Website automatisch das BFSG?

Nein. Die ISO-Norm regelt sprachliche Verständlichkeit, das BFSG umfasst aber zusätzlich technische Accessibility-Anforderungen nach WCAG. Plain Language nach DIN ISO 24495-1 erfüllt jedoch zentrale Verständlichkeits-Kriterien der WCAG und ist damit ein wichtiger Baustein der Konformität.

Welche weiteren Teile der ISO-24495-Reihe sind geplant?

Die ISO arbeitet an weiteren Teilen, die spezifische Anwendungsbereiche abdecken sollen – etwa Plain Language in juristischen Texten, im Gesundheitswesen oder in der Verwaltung. Die genaue Zeitschiene und der Umfang sind im offiziellen ISO-Arbeitsplan dokumentiert.

Verständliche Kommunikation jetzt prüfen

Erfüllen Ihre Texte und Dokumente die Anforderungen verständlicher Kommunikation? Mit easyMonitoring von SiteCockpit prüfen Sie automatisiert, wo die WCAG-Kriterien zu Verständlichkeit greifen – ein wichtiger Baustein für die Anwendung der DIN ISO 24495-1.

Kostenlos testen