Rot-Grün-Schwäche

27.02.2026

Inhaltsverzeichnis

Was ist eine Rot-Grün-Schwäche?

Die Rot-Grün-Schwäche ist die häufigste Form der Farbfehlsichtigkeit und betrifft rund 8 Prozent aller Männer sowie etwa 0,5 Prozent aller Frauen. Betroffene können die Farben Rot und Grün nicht so gut voneinander unterscheiden wie normalsichtige Menschen. Für die digitale Barrierefreiheit hat das weitreichende Konsequenzen: Websites, die Informationen ausschließlich über Farbe vermitteln, schließen Millionen von Menschen aus.

Die Rot-Grün-Schwäche (auch Rot-Grün-Sehschwäche) ist eine erblich bedingte Störung der Farbwahrnehmung. Betroffene können die Farben Rot und Grün schlechter voneinander unterscheiden als normalsichtige Personen. Der Begriff fasst mehrere Formen zusammen, die sich in Art und Ausprägung unterscheiden.

Wichtig zu verstehen: Es handelt sich nicht um eine Farbenblindheit. Menschen mit einer Rot-Grün-Schwäche sehen Farben – sie nehmen sie lediglich anders wahr. Rottöne erscheinen ihnen beispielsweise eher bräunlich, Grüntöne eher gelblich. Die Übergänge zwischen den Farben sind weniger deutlich ausgeprägt.

Ursache ist eine genetisch bedingte Veränderung der Zapfenzellen auf der Netzhaut des Auges. Diese Sinneszellen sind für die Farbwahrnehmung zuständig. Bei einer Rot-Grün-Schwäche ist das Absorptionsspektrum der betroffenen Zapfen verschoben, sodass Rot- und Grüntöne nicht mehr klar getrennt wahrgenommen werden können.

Da die relevanten Gene auf dem X-Chromosom liegen, sind Männer deutlich häufiger betroffen. Sie besitzen nur ein X-Chromosom und haben daher keine Möglichkeit, den Defekt über ein zweites X-Chromosom auszugleichen. Frauen müssten den Defekt auf beiden X-Chromosomen tragen, um selbst betroffen zu sein.

Formen der Rot-Grün-Schwäche

Die Rot-Grün-Schwäche umfasst mehrere Unterformen, die sich in der Art der betroffenen Zapfenzellen und dem Schweregrad unterscheiden. Die vier häufigsten Formen im Überblick:

Deuteranomalie (Grünschwäche): Die mit Abstand häufigste Form der Farbfehlsichtigkeit. Die M-Zapfen (Grünrezeptoren) auf der Netzhaut sind in ihrer Funktion eingeschränkt. Das Absorptionsspektrum ist in Richtung der Rot-Rezeptoren verschoben. Betroffene haben Schwierigkeiten, Grüntöne korrekt wahrzunehmen und von Rottönen zu unterscheiden.

Protanomalie (Rotschwäche): Die L-Zapfen (Rotrezeptoren) sind in ihrer Funktion beeinträchtigt. Betroffene nehmen Rottöne weniger intensiv wahr und verwechseln sie leichter mit Grüntönen. Diese Form ist seltener als die Grünschwäche.

Deuteranopie (Grünblindheit): Eine ausgeprägtere Form, bei der die M-Zapfen vollständig fehlen oder nicht funktionieren. Betroffene können die Farbe Grün gar nicht wahrnehmen und sehen sie in Grau- oder Brauntönen.

Protanopie (Rotblindheit): Die L-Zapfen fehlen komplett. Die Farbe Rot ist für Betroffene nicht sichtbar und wird als dunkler Grau- oder Braunton wahrgenommen.

Bei einer Schwäche (Anomalie) sind alle drei Zapfentypen vorhanden, funktionieren aber nicht einwandfrei. Bei einer Blindheit (Anopie) fehlt ein Zapfentyp vollständig. Beide Formen sind angeboren, nicht heilbar und bleiben über das gesamte Leben hinweg konstant.

check Ca. 8 % aller Männer und 0,5 % aller Frauen sind betroffen
check Die Grünschwäche (Deuteranomalie) ist die häufigste Form der Welt
check In Deutschland leben rund 4 Millionen Betroffene

Symptome und Diagnose

Viele Betroffene bemerken ihre Rot-Grün-Schwäche zunächst nicht, da sie ihre Farbwahrnehmung als normal empfinden. Probleme treten meist erst in Situationen auf, in denen eine präzise Farbunterscheidung erforderlich ist – beispielsweise bei Ampelsignalen unter schlechten Lichtverhältnissen, beim Erkennen farblich hervorgehobener Textelemente oder bei der Unterscheidung farbiger Spielsteine.

Typische Anzeichen einer Rot-Grün-Schwäche sind die Verwechslung von Rot- und Grüntönen, aber auch von Orange, Gelb und Braun, da diese Farben ebenfalls aus Mischungen von rotem und grünem Licht bestehen. Besonders kleine Farbflächen, dünne Linien und geringe Farbsättigungen machen die Unterscheidung schwierig.

Ishihara-Farbtafeln: Der bekannteste Sehtest zur Erkennung einer Rot-Grün-Schwäche. Auf runden Tafeln sind Zahlen oder Muster aus farbigen Punkten versteckt, die Personen mit normaler Farbsicht erkennen können, Betroffene jedoch nicht oder anders lesen.

Anomaloskop: Eine präzisere Untersuchung beim Augenarzt. Der Patient mischt über Regler die Farben Rot und Grün, um einen vorgegebenen Gelbton nachzubilden. Anhand des Mischungsverhältnisses kann der Arzt Art und Schweregrad der Farbsehstörung exakt bestimmen.

Farnsworth-Munsell-Test: Bei diesem Testverfahren müssen farbige Plättchen in die richtige Reihenfolge gebracht werden. Er ermöglicht eine differenzierte Einschätzung der Farbunterscheidungsfähigkeit.

Warum die Rot-Grün-Schwäche für digitale Barrierefreiheit relevant ist

Im digitalen Raum hat die Rot-Grün-Schwäche direkte Auswirkungen auf die Nutzbarkeit von Websites, Apps und Online-Shops. Immer dann, wenn Farbe als einziger Informationsträger dient, entstehen Barrieren für die rund 4 Millionen Betroffenen allein in Deutschland.

Typische Problembereiche im Web: Formularfelder, die gültige Eingaben nur durch grüne Markierung und fehlerhafte Eingaben nur durch rote Markierung kennzeichnen, sind für Betroffene kaum unterscheidbar. Ebenso problematisch sind rot-grüne Farbcodierungen in Diagrammen, Statistiken oder Statusanzeigen.

Auch Navigationselemente, Links und Buttons, die sich beim Hovern nur farblich von Rot zu Grün verändern, bleiben für viele Menschen unsichtbar. Produktfarben in Online-Shops, die nur visuell dargestellt, aber nicht beschriftet sind, stellen ebenfalls ein Hindernis dar.

Die Web Content Accessibility Guidelines (WCAG) adressieren dieses Problem im Erfolgskriterium 1.4.1 „Benutzung von Farbe": Farbe darf nicht das einzige visuelle Mittel sein, um Informationen zu vermitteln, eine Aktion anzuzeigen, eine Reaktion auszulösen oder ein visuelles Element zu unterscheiden.

Das Barrierefreiheitsstärkungsgesetz (BFSG) verpflichtet seit dem 28. Juni 2025 zahlreiche Unternehmen dazu, ihre digitalen Angebote barrierefrei zu gestalten. Die korrekte Berücksichtigung von Farbfehlsichtigkeiten wie der Rot-Grün-Schwäche ist dabei ein wesentlicher Bestandteil der Konformität.

Best Practices: So gestalten Sie Websites für Menschen mit Rot-Grün-Schwäche

Mit den folgenden Maßnahmen stellen Sie sicher, dass Ihre Website auch für Menschen mit einer Rot-Grün-Schwäche barrierefrei nutzbar ist.

Farbe nie als einziger Informationsträger

Ergänzen Sie farbliche Kennzeichnungen immer durch Text, Icons, Muster oder Umrandungen. Fehlermeldungen in Formularen sollten beispielsweise nicht nur rot markiert, sondern zusätzlich mit einem Hinweistext und einem Warnsymbol versehen werden.

Ausreichende Kontraste sicherstellen

Die WCAG fordern ein Kontrastverhältnis von mindestens 4,5:1 für normalen Text und 3:1 für großen Text (Level AA). Selbst wenn Farben unterschiedlich wirken, können sie eine ähnliche Helligkeit besitzen – prüfen Sie Kontraste daher immer mit geeigneten Tools.

Problematische Farbkombinationen vermeiden

Vermeiden Sie Rot-Grün-Kombinationen als bedeutungstragendes Unterscheidungsmerkmal. Nutzen Sie stattdessen Farben mit deutlichem Helligkeitsunterschied. Auch Orange und Gelb sollten mit Bedacht eingesetzt werden, da sie Mischungen aus rotem und grünem Licht sind.

Checkliste: Barrierefreie Farbgestaltung

  • check Mehrfachkennzeichnung: Informationen nie nur über Farbe vermitteln, sondern immer durch Text, Symbole, Muster oder Formgebung ergänzen (WCAG 1.4.1)
  • check Kontrastwerte prüfen: Mindestens 4,5:1 für normalen Text und 3:1 für großen Text und UI-Komponenten (WCAG 1.4.3 und 1.4.11)
  • check Simulation nutzen: Die eigene Website regelmäßig mit Farbfehlsichtigkeits-Simulationen testen, z. B. in den Chrome DevTools oder mit speziellen Prüfwerkzeugen
  • check Farbpalette bewusst wählen: Farben mit deutlichem Helligkeitsunterschied verwenden und reine Rot-Grün-Kombinationen vermeiden
  • check Status mit Text kennzeichnen: Erfolg, Warnung und Fehler nicht nur farblich, sondern immer auch textlich unterscheiden
  • check Diagramme und Grafiken: In Datenvisualisierungen zusätzlich Muster, Schraffierungen oder Beschriftungen einsetzen
Gegenuberstellung eines Formulars mit normaler Farbsicht und simulierter Rot-Gruen-Schwaeche zur Veranschaulichung fehlender Mehrfachkennzeichnung

Werkzeuge und Tools zum Testen

Um sicherzustellen, dass Ihre Website für Menschen mit Rot-Grün-Schwäche zugänglich ist, gibt es verschiedene Prüfwerkzeuge und Simulationen, die Sie in Ihren Workflow integrieren können.

Chrome DevTools: Die Entwicklertools des Chrome-Browsers bieten eine integrierte Farbfehlsichtigkeits-Simulation. Über den Rendering-Tab können Sie verschiedene Formen der Farbenfehlsichtigkeit emulieren und Ihre Website direkt im Browser prüfen.

WAVE (Web Accessibility Evaluation Tool): Ein automatisches Prüfwerkzeug, das unter anderem fehlende Kontraste und problematische Farbkombinationen identifiziert.

Stark Plugin (Figma): Für Designerinnen und Designer, die bereits im Gestaltungsprozess die Barrierefreiheit berücksichtigen möchten. Das Plugin prüft Kontraste und simuliert verschiedene Farbfehlsichtigkeiten direkt in Figma.

Kontrastrechner: Online-Tools wie der WebAIM Contrast Checker oder der APCA-Kontrastrechner berechnen das genaue Kontrastverhältnis zweier Farben und zeigen an, ob die WCAG-Anforderungen erfüllt werden.

Ergänzend dazu bietet easyMonitoring von SiteCockpit eine automatisierte Prüfung Ihrer gesamten Website nach WCAG-Standards – einschließlich der Analyse von Farbkontrasten und farbbasierten Informationsträgern.

SiteCockpit Lösung

So unterstützt easyVision Menschen mit Rot-Grün-Schwäche

easyVision bietet Nutzern mit Farbfehlsichtigkeit die Möglichkeit, die Farbdarstellung einer Website individuell anzupassen. Über das Frontend-Widget können unter anderem die Farbsättigung verändert, Kontraste erhöht und Farbprofile aktiviert werden, die Rot-Grün-Kombinationen besser unterscheidbar machen.

easyVision Beispiel

Rot-Grün-Schwäche im Alltag

Die Rot-Grün-Schwäche wirkt sich nicht nur im digitalen Raum aus, sondern betrifft auch zahlreiche Alltagssituationen. Die meisten Betroffenen empfinden ihre Farbwahrnehmung nicht als besonders einschränkend, da sie keine andere Sehweise kennen.

Straßenverkehr: Ampelsignale können unter schwierigen Lichtverhältnissen schwerer unterscheidbar sein. Die Position der Lampen (oben Rot, unten Grün) bietet jedoch eine zusätzliche Orientierungshilfe – ein gutes Beispiel für das Prinzip der Mehrfachkennzeichnung.

Berufliche Einschränkungen: Bestimmte Berufe wie Pilot, Lokführer, Bus- oder Taxifahrer erfordern eine einwandfreie Farbsicht und setzen ein Bestehen spezieller Farbsinntests voraus.

Hilfsmittel: Spezielle Brillen für Farbfehlsichtigkeit können die Unterscheidbarkeit von Rot- und Grüntönen verbessern, indem sie bestimmte Wellenlängen des Lichtspektrums herausfiltern. Sie stellen keine Heilung dar, sondern unterstützen die Wahrnehmung in bestimmten Situationen.

Relevante WCAG-Erfolgskriterien

Die Web Content Accessibility Guidelines (WCAG) enthalten mehrere Erfolgskriterien, die direkt mit der Rot-Grün-Schwäche und der barrierefreien Farbgestaltung zusammenhängen:

WCAG 1.4.1 – Benutzung von Farbe (Level A): Farbe darf nicht das einzige visuelle Mittel sein, um Informationen zu vermitteln, eine Aktion anzuzeigen oder Elemente zu unterscheiden. Dieses Kriterium ist die Grundlage für die barrierefreie Farbgestaltung.

WCAG 1.4.3 – Kontrast Minimum (Level AA): Text muss ein Kontrastverhältnis von mindestens 4,5:1 zum Hintergrund aufweisen. Großer Text (ab 18pt oder 14pt fett) benötigt mindestens 3:1.

WCAG 1.4.11 – Nicht-Text-Kontrast (Level AA): UI-Komponenten und grafische Objekte benötigen ein Kontrastverhältnis von mindestens 3:1 zu angrenzenden Farben. Das betrifft zum Beispiel Buttons, Formularfelder und Icons.

Diese Kriterien sind über die EN 301 549 und das Barrierefreiheitsstärkungsgesetz (BFSG) auch in Deutschland rechtlich verbindlich. Mit easyStatement erstellen Sie eine rechtssichere Barrierefreiheitserklärung, die auch den Umgang mit Farbkontrasten dokumentiert.

Häufige Fragen zur Rot-Grün-Schwäche

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