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Was ist eine Lese-Rechtschreibstörung?
Die Lese-Rechtschreibstörung (LRS), auch als Dyslexie oder Legasthenie bekannt, ist eine neurobiologische Entwicklungsstörung, die die Fähigkeit beeinträchtigt, geschriebene Wörter schnell und korrekt zu erkennen und zu verarbeiten. Sie ist nicht die Folge mangelnder Intelligenz oder unzureichenden Unterrichts, sondern eine angeborene Unterschied in der neurologischen Verarbeitung von Schriftsprache. Menschen mit Dyslexie haben typischerweise Schwierigkeiten beim Dekodieren von Wörtern, beim Schreiben und manchmal auch bei der Rechtschreibung – unabhängig vom Intelligenzquotienten oder dem Ausbildungsstand.
Nach Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) betrifft die Lese-Rechtschreibstörung etwa 5-10 Prozent der Bevölkerung weltweit. In Deutschland wird von etwa 4-5 Prozent aller Schüler ausgegangen, die eine diagnostizierte LRS haben. Die tatsächliche Prävalenz könnte jedoch höher liegen, da viele Fälle undiagnostiziert bleiben.
Wichtig zu verstehen: Dyslexie ist kein Zeichen von Faulheit oder mangelnder Intelligenz. Viele hochbegabte Menschen haben eine Lese-Rechtschreibstörung. Die neurowissenschaftliche Forschung zeigt, dass es sich um eine Unterschied in der Gehirnstruktur und -funktion handelt – insbesondere in den Bereichen, die für die Sprachverarbeitung zuständig sind.
Für die digitale Barrierefreiheit ist das Wissen um Lese-Rechtschreibstörungen essentiell: Menschen mit Dyslexie benötigen spezielle Anpassungen bei der Nutzung von Websites und digitalen Inhalten, um gleichberechtigt Zugang zu Informationen zu haben.
Neurologische Grundlagen und Ursachen
Die neurobiologische Basis der Dyslexie liegt in Unterschieden bei der Gehirnverarbeitung von Schriftzeichen. Forschungen mittels Bildgebung (fMRI) zeigen, dass Menschen mit Lese-Rechtschreibstörung eine geringere Aktivierung in den für Sprachverarbeitung zuständigen Hirnarealen aufweisen – insbesondere in den Regionen, die für die phonologische Verarbeitung (Lautverarbeitung) und das visuelle Wortformerkennen zuständig sind.
Die Ursachen der Dyslexie sind multifaktoriell und teilweise genetisch bedingt. Forschungen deuten darauf hin, dass mehrere Gene an der Entwicklung von Lese-Rechtschreibstörungen beteiligt sind. Wenn ein oder beide Elternteile eine LRS haben, ist das Risiko für Kinder erhöht. Allerdings ist Dyslexie nicht einfach "vererbbar" – es spielen auch Umweltfaktoren eine Rolle.
Ein Kernproblem bei Dyslexie ist die Schwäche der phonologischen Verarbeitung. Das bedeutet, dass Menschen mit Lese-Rechtschreibstörung Schwierigkeiten haben, Wörter in ihre einzelnen Lautkomponenten zu zerlegen und diese wieder zusammenzusetzen. Dies beeinträchtigt direkt die Fähigkeit, unbekannte Wörter zu dekodieren und korrekt zu schreiben.
Darüber hinaus können Unterschiede in der visuellen Wahrnehmung von Schriftzeichen eine Rolle spielen. Einige Menschen mit Dyslexie berichten von Phänomenen wie dem „visuellen Stress" – Buchstaben wirken verschwommen, verschwinden oder wandern auf der Seite herum. Diese Erfahrung ist real und mesbar, auch wenn die physikalische Sehschärfe normal ist.
Symptome und Erscheinungsformen
Die Symptome der Lese-Rechtschreibstörung variieren in Ausprägung und Schweregrad. Nicht alle Menschen mit Dyslexie zeigen alle aufgelisteten Symptome. Ein wesentliches Merkmal ist die Persistenz der Symptome – sie bessern sich nicht einfach mit mehr Üben oder einem besseren Unterricht.
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Lesestörung: Schwierigkeiten beim flüssigen Lesen, häufiges Verwechseln ähnlich aussehender Buchstaben (b/d, p/q), Auslassen oder Hinzufügen von Buchstaben, langsames Lesetempo
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Rechtschreibung: Häufige und persistente Rechtschreibfehler, Schwierigkeiten mit Wort-Laut-Zuordnungen, Probleme beim Schreiben von komplexen oder unregelmäßigen Wörtern
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Schreiben: Probleme beim Aufbau von Sätzen, ungeordnete oder verwirrte Schriftstruktur, Schwierigkeiten beim Automatisieren von Schreibprozessen
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Phonologische Verarbeitung: Schwierigkeiten beim Reimen, beim Zerlegen von Wörtern in Laute oder beim Kombinieren von Lauten zu Wörtern
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Merkfähigkeit: Schwierigkeiten beim Abrufen von Wort- oder Zahlreihen (z. B. Alphabetreihen, Multiplikationstabellen)
Diagnose und Früherkennung
Eine zuverlässige Diagnose der Lese-Rechtschreibstörung erfordert eine umfassende psychodiagnostische Untersuchung durch spezialisierte Fachkräfte und Methoden, wie Schulpsychologen, Pädagogen oder Sprach-Therapie. Die Entwicklung sollte bei den Betroffenen bereits ab dem jungen Alter der Kinder in der Schule beobachtet werden. Eine Förderung der Kompetenz der Kinder ist in der Schule wichtig.
Standardisierte Tests: Es gibt etablierte Tests zur Erfassung von Lese- und Schreibleistungen, wie das „Deutsche Schrifttests" (DST), die „Salzburger Lese-Screening" (SLS) oder Tests wie das „Test of Reading Comprehension". Diese Tests messen sowohl die Geschwindigkeit als auch die Genauigkeit beim Lesen und Schreiben.
Phonologische Tests: Spezielle Tests zur Messung der phonologischen Verarbeitung, des Lautgedächtnisses und der Rhythmusintelligenz helfen, die kognitiven Wurzeln der Probleme zu identifizieren.
Intelligenztest: Ein zentrales Kriterium für die Diagnose von LRS ist der Ausschluss von allgemeinen kognitiven Einschränkungen. Ein Intelligenztest hilft zu klären, dass die Lesestörung nicht das Ergebnis einer allgemeinen Intelligenzbehinderung ist, sondern eine spezifische Schwäche in der Schriftverarbeitung darstellt.
Früherkennung im Kindergarten und in der Grundschule: Wer früh identifiziert wird, kann früher von gezielten Interventionen profitieren. Warnsignale im Kindergarten sind z. B. Schwierigkeiten mit Reimen, verzögerte Sprachentwicklung oder Schwierigkeiten beim Erlernen von Buchstaben.
Lese-Rechtschreibstörung und digitale Barrierefreiheit
Für Menschen mit Dyslexie ist digitale Barrierefreiheit keine Zusatzleistung, sondern eine Notwendigkeit. Websites und digitale Inhalte, die nicht barrierefrei gestaltet sind, schaffen zusätzliche Barrieren und verlängern die Zeit, die zum Verstehen von Informationen benötigt wird.
Typische Problembereiche im Web: Kleine Schriftgrößen, dicht gepackter Text ohne Pausen, ungünstige Farbkombinationen, komplexe Satzstrukturen, mangelnde Strukturierung von Inhalten (fehlende Überschriften und Aufzählungen) und automatisch abspielende Texte (die das Leseerlebnis zusätzlich erschweren).
Die Web Content Accessibility Guidelines (WCAG) enthalten mehrere Erfolgskriterien, die für Menschen mit Lese-Rechtschreibstörung essenziell sind – insbesondere Criterion 3.1.5 „Reading Level", das verlangt, dass Texte auf einem Niveau geschrieben sein sollten, das unterhalb der Highschool-Leselevel liegt.
Das Barrierefreiheitsstärkungsgesetz (BFSG), das seit dem 28. Juni 2025 in Kraft ist, verpflichtet Unternehmen, ihre digitalen Angebote für alle zugänglich zu gestalten – einschließlich Menschen mit Lese-Rechtschreibstörungen.
Best Practices: Website-Design für Menschen mit Dyslexie
Mit diesen bewährten Maßnahmen stellen Sie sicher, dass Ihre Website für Menschen mit Lese-Rechtschreibstörung zugänglich und nutzbar ist.
Klare Typografie und Schriftgestaltung
Verwenden Sie dyslexiefreundliche Schriftarten wie OpenDyslexic, Dyslexie Font oder Arial. Vermeiden Sie Serifenschriften wie Times New Roman. Erhöhen Sie die Schriftgröße auf mindestens 12-14px für Fließtext. Nutzen Sie großzügige Abstände zwischen Zeilen (mind. 1,5x) und zwischen Buchstaben.
Strukturierte und verständliche Inhalte
Nutzen Sie aussagekräftige Überschriften, kurze Absätze und Aufzählungen. Vermeiden Sie extrem lange Sätze und komplexe Satzstrukturen. Nutzen Sie Bilder, Icons und Infografiken zur Unterstützung des Textverständnisses. Hervorhebungen sollten fett oder unterstrichen sein, nicht nur farbig.
Text-to-Speech und alternative Formate
Integrieren Sie Text-to-Speech-Funktionalität, damit Nutzer Texte vorlesen lassen können. Bieten Sie PDF-Inhalte auch in HTML-Format an. Stellen Sie Transkripte für Audio- und Videoinhalte bereit. Ermöglichen Sie Download von Inhalten in anpassbaren Formaten.
SiteCockpit Lösung
Wie easyVision Menschen mit Dyslexie unterstützt
easyVision bietet spezialisierte Features, die Menschen mit Lese-Rechtschreib-törung direkt helfen. Mit einer Vorlesewarenfunktion können Nutzer Texte automatisch vorlesen lassen. Das Widget ermöglicht die Anpassung von Schriftarten auf dyslexiefreundliche Optionen, die Vergrößerung des Schriftgrades, die Erhöhung des Zeilenabstands und die Anpassung von Kontrasten. Zudem können Nutzer Animationen deaktivieren, um visuelle Ablenkungen zu reduzieren.
Unterstützungs- und Interventionsmethoden
Lese-Rechtschreib-Störung ist nicht heilbar, aber mit geeigneten Interventionen deutlich managebar. Eine frühe Erkennung und spezialisierte Unterstützung können die Auswirkungen erheblich reduzieren.
Spezialisiertes Coaching und Nachhilfe: Strukturierte Trainingsprogramme wie „Strukturelles Lesen und Schreiben" (SLS), die sich auf die phonologische Bewusstseinsentwicklung konzentrieren, haben sich als wirksam erwiesen. Multisensorische Methoden – die mehrere Sinne einbeziehen – zeigen oft bessere Ergebnisse als traditionelle Unterrichtsmethoden.
Assistive Technologie: Text-to-Speech-Software, Wörterbuch-Apps, Rechtschreibprüfer und spezielle E-Reader mit anpassbaren Schriften sind wirksame Werkzeuge. Diese Technologien sind nicht als „Krücken" zu verstehen, sondern als notwendige Anpassungen, die Menschen mit Dyslexie befähigen, gleichberechtigt zu partizipieren.
Schulische Anpassungen: Kinder mit diagnostizierter LRS haben Anspruch auf gesetzliche Nachteilsausgleiche in der Schule. Die Kinder können zusätzliche Zeit bei Prüfungen, die Verwendung von Rechtschreibprüfern, mündliche statt schriftliche Prüfungen oder andere angepasste Bewertungsmethoden umfassen. Die Förderung der betroffenen Kinder ist in dem Alter entscheidend.
Emotionale und psychologische Unterstützung: Viele Menschen mit Dyslexie entwickeln Vermeidungsverhalten oder ein geringes Selbstwertgefühl in Bezug auf ihre Lesefähigkeiten. Psychologische Unterstützung und ein förderliches Umfeld sind essentiell für langfristige Erfolge.
Lese-Rechtschreibstörung im Alltag: Stärken und Perspektiven
Während Dyslexie mit Herausforderungen verbunden ist, weisen viele Menschen mit Lese-Rechtschreibstörung auch besondere Stärken auf. Die Forschung zeigt, dass Menschen mit Dyslexie oft überdurchschnittliche Fähigkeiten in räumlichem Denken, Kreativität, Problemlösung und visuellen Künsten haben.
Bekannte Persönlichkeiten mit Dyslexie: Viele erfolgreiche Personen hatten oder haben eine Lese-Rechtschreibstörung – Künstler, Wissenschaftler, Unternehmer und Athleten. Diese Beispiele zeigen, dass Dyslexie die Fähigkeit zu großen Leistungen nicht beeinträchtigt.
Berufliche Perspektiven: Mit angepassten Technologien und der richtigen Unterstützung können Menschen mit Dyslexie in praktisch allen Berufsfeldern erfolgreich arbeiten. Einige Berufe – wie Architektur, Ingenieurwesen, Design oder künstlerische Tätigkeiten – spielen tatsächlich zu den visuellen Stärken, die viele Menschen mit Dyslexie haben.
Neurodiversität-Perspektive: Zunehmend wird Dyslexie nicht nur als „Defizit" verstanden, sondern als Teil der neurologischen Vielfalt der Menschheit. Diese Perspektive betont, dass Menschen mit Dyslexie anders – nicht schlechter – denken und verarbeiten.
Relevante WCAG-Erfolgskriterien
Die Web Content Accessibility Guidelines (WCAG) enthalten mehrere Erfolgskriterien, die direkt die Zugänglichkeit für Menschen mit Lese-Rechtschreibstörung betreffen:
WCAG 1.4.8 – Visual Presentation (Level AAA): Text sollte so präsentiert werden, dass die Lesbarkeit maximiert wird – mit ausreichendem Zeilenabstand (mind. 1,5x), großen Schriftgrößen und nicht mehr als 80 Zeichen pro Zeile.
WCAG 2.5.5 – Target Size (Level AAA): Interaktive Elemente sollten ausreichend groß sein, damit sie leicht aktiviert werden können – wichtig für Menschen, deren motorische Kontrolle durch die kognitive Last des Lesens beeinträchtigt wird.
WCAG 3.1.5 – Reading Level (Level AAA): Text sollte auf einem Niveau geschrieben sein, das nicht höher als der untere Sekundarbereich ist (d. h. einfache, klare Sprache verwenden).
WCAG 3.3.5 – Help and Documentation (Level AAA): Hilfe und Dokumentation sollten leicht auffindbar und verständlich sein, mit klarer, prägnanter Sprache.
Diese Kriterien sind über die EN 301 549 und das Barrierefreiheitsstärkungsgesetz (BFSG) auch in Deutschland rechtlich verbindlich. Mit easyStatement erstellen Sie eine rechtssichere Barrierefreiheitserklärung, die auch die Umsetzung dieser Kriterien dokumentiert.
Checkliste: Barrierefreies Webdesign für Dyslexie
Schrift und Typografie: Verwenden Sie dyslexiefreundliche Schriftarten (OpenDyslexic, Dyslexie Font, Arial), Schriftgröße mindestens 12-14px, Zeilenabstand mindestens 1,5x, Wortabstand ausreichend, Buchstabenabstand vergrößert.
Layout und Struktur: Nutzen Sie aussagekräftige Überschriften (H1-H6), kurze Absätze (max. 5-7 Zeilen), Aufzählungen statt langer Fließtexte, nicht mehr als 80 Zeichen pro Zeile, großzügige Ränder.
Farbe und Kontrast: Stark gegenüber Hintergrund kontrastierend (mindestens 4,5:1 für Text), Informationen nicht nur durch Farbe vermitteln, begrenzte Farbpalette, kein Blinken oder flackernde Inhalte.
Inhalte und Multimedialität: Text-to-Speech-Funktionalität, Transkripte für Audio und Video, Infografiken zur Unterstützung von Texten, alternde Text und visuelle Elemente, PDF auch als HTML verfügbar.
Navigation und Bedienung: Klare, konsistente Navigation, einfache, logische Menüstruktur, große, leicht zu bedienende Tasten und Links, einfache Suchfunktion, sprechende URLs und aussagekräftige Link-Labels.
Sprachlevel: Einfache, klare Sprache verwenden (Niveau Mittelstufe), kurze Sätze, aktive Stimme, vermeiden Sie Jargon, komplexe oder irreführende Formulierungen, Erklärungen von schwierigen Begriffen.
Werkzeuge und Ressourcen für Testen und Optimierung
Lesbarkeits-Analysetools: Tools wie Flesch-Kincaid Readability oder Readability-Score berechnen das Lesalter Ihrer Texte und helfen, sie verständlicher zu machen.
Schrift-Tester: Online-Tools wie der „Dyslexie Font Tester" oder „Readable Font Tester" zeigen, wie Ihre Website mit verschiedenen Schriftarten für Menschen mit Dyslexie aussieht.
Simulation von visuellen Beeinträchtigungen: Extensions wie „Accessibility Checker" oder Browserfunktionen können helfen, Kontrast- und Lesebarkeitsprobleme zu identifizieren.
Text-to-Speech Software: Tools wie NVDA (kostenfrei), JAWS oder browser-eigene Reader helfen, die Vorlese-Erfahrung zu testen.
Automatisierte Barrierefreiheitstests: easyMonitoring von SiteCockpit bietet automatisierte Prüfungen Ihrer gesamten Website nach WCAG-Standards – einschließlich der Überprüfung von Lesbarkeit, Kontrasten und Strukturierung, die für Menschen mit Dyslexie essentiell sind.
Häufige Fragen zur Lese-Rechtschreibstörung
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