Gebärdensprache

19.02.2026

Inhaltsverzeichnis

Gebärdensprache – Bedeutung, Struktur und gesellschaftliche Relevanz

Was ist Gebärdensprache?

Gebärdensprache ist eine eigenständige, visuell wahrnehmbare Sprache, die auf Handzeichen, Mimik, Körperhaltung und räumlicher Darstellung basiert. Sie wird vor allem von gehörlosen und schwerhörigen Menschen verwendet, ist jedoch grundsätzlich von allen Menschen erlernbar.

Im Gegensatz zur Lautsprache funktioniert Gebärdensprache nicht über gesprochene Laute, sondern über sichtbare Zeichen im Raum. Sie ist keine vereinfachte Version des Deutschen, sondern eine natürlich entstandene Sprache mit eigener Grammatik, eigenem Wortschatz und einer eigenständigen sprachlichen Struktur. Sprachwissenschaftlich gehört sie zu den natürlichen Sprachen.

Gebärdensprache ermöglicht es, komplexe Sachverhalte, Emotionen, abstrakte Begriffe und differenzierte Inhalte vollständig auszudrücken – genauso wie jede Lautsprache.

Die Deutsche Gebärdensprache (DGS)

In Deutschland wird überwiegend die Deutsche Gebärdensprache (DGS) verwendet. Seit 2002 ist sie im Behindertengleichstellungsgesetz (BGG) als eigenständige Sprache anerkannt. Damit wurde gesetzlich festgeschrieben, dass sie den Lautsprachen gleichgestellt ist.

Die DGS unterscheidet sich deutlich von der deutschen Lautsprache. Sie folgt einer eigenen Grammatik und Satzstruktur. Während im Deutschen häufig die Reihenfolge Subjekt – Verb – Objekt verwendet wird, steht in der DGS oft das Verb am Satzende.

Beispiel:

Deutsch: „Ich sehe dich.“
DGS: „Ich dich sehen.“

Darüber hinaus ist die Gebärdensprache nicht linear aufgebaut, sondern räumlich und simultan. Das bedeutet, mehrere Informationsebenen können gleichzeitig vermittelt werden. Richtung, Zeitbezug oder Beziehungen zwischen Personen werden oft über Bewegungen im Raum dargestellt.

Wie funktioniert Gebärdensprache?

Eine Gebärde besteht nicht nur aus einer Handbewegung. Bedeutung entsteht durch das Zusammenspiel mehrerer Elemente.

Die Mimik spielt dabei eine zentrale Rolle. Sie übernimmt nicht nur emotionale Funktionen, sondern auch grammatische Aufgaben. Fragen, Verneinungen oder Betonungen werden häufig über Gesichtsausdruck und Körperhaltung ausgedrückt.

Ein weiteres Merkmal ist die sogenannte Ikonizität. Manche Gebärden sind bildhaft und stellen eine Handlung oder Eigenschaft visuell dar. Viele Gebärden sind jedoch abstrakt und müssen – wie Vokabeln in einer Fremdsprache – erlernt werden.

Handform

Bewegungsrichtung

Position im Raum

Mimik

Kopf- und Körperhaltung

Mundbild

Gibt es eine internationale Gebärdensprache?

Nein. Es existiert keine einheitliche weltweite Gebärdensprache. Weltweit gibt es mehrere hundert unterschiedliche Gebärdensprachen mit eigener Grammatik und eigenem Wortschatz.

Die Deutsche Gebärdensprache unterscheidet sich beispielsweise stark von der American Sign Language (ASL). Auch innerhalb einzelner Länder existieren regionale Dialekte.

Bei internationalen Begegnungen wird häufig auf sogenannte „International Signs“ zurückgegriffen. Dabei handelt es sich um ein vereinfachtes Verständigungssystem, das auf gemeinsamen visuellen Elementen basiert. Es ist jedoch keine normierte, eigenständige Sprache.

Fingeralphabet und Namensgebärden

Neben der eigentlichen Gebärdensprache gibt es unterstützende Systeme.

Das Fingeralphabet ermöglicht es, einzelne Buchstaben darzustellen. Es wird vor allem genutzt, um Eigennamen oder Fachbegriffe zu buchstabieren, für die keine eigene Gebärde existiert. Das Fingeralphabet ersetzt die Gebärdensprache nicht, sondern ergänzt sie.

Darüber hinaus erhalten viele gehörlose Menschen innerhalb der Gebärdensprachgemeinschaft eine persönliche Namensgebärde. Diese wird meist von anderen vergeben und bezieht sich häufig auf ein charakteristisches Merkmal der Person. Sie bleibt in der Regel dauerhaft bestehen und ersetzt das wiederholte Buchstabieren des Namens.

Gebärdensprache und Gehörlosenkultur

Gebärdensprache ist nicht nur ein Kommunikationsmittel, sondern Teil einer eigenständigen sprachlichen und kulturellen Identität. Gehörlose Menschen verstehen sich häufig als sprachliche Minderheit mit eigener Gemeinschaft.

In Deutschland leben zehntausende gehörlose Menschen. Innerhalb dieser Gemeinschaft bestehen enge Netzwerke, kulturelle Veranstaltungen und eigene soziale Strukturen.

Der Begriff „taubstumm“ wird heute vermieden. Er ist historisch belastet und sachlich falsch, da gehörlose Menschen nicht stumm sind. Korrekte Bezeichnungen sind „gehörlos“ oder „taub“.

Kommunikation zwischen hörenden und gehörlosen Menschen

In der Begegnung zwischen hörenden und gehörlosen Menschen entstehen häufig Barrieren, wenn keine gemeinsame Sprache vorhanden ist. Für eine gelingende Kommunikation sind einige einfache Rahmenbedingungen hilfreich:

• gute Lichtverhältnisse

• direkter Blickkontakt

• natürliche, deutliche Mundbewegungen

• Geduld und respektvolle Ansprache

In professionellen Situationen kommen Gebärdensprach-Dolmetscher zum Einsatz. Sie übersetzen zwischen Laut- und Gebärdensprache und ermöglichen barrierefreie Kommunikation in Bildung, Medizin, Verwaltung und Arbeitswelt.

Bedeutung für Inklusion und gesellschaftliche Teilhabe

Gebärdensprache ist ein zentraler Bestandteil gesellschaftlicher Inklusion. Ohne barrierefreie Kommunikation wird Menschen mit Hörbeeinträchtigung der Zugang zu Bildung, Arbeit, Politik, Kultur und digitalen Angeboten erschwert oder verwehrt.

Die Anerkennung der Deutschen Gebärdensprache sowie die Bereitstellung von Dolmetschleistungen tragen wesentlich zur Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention bei. Sie sichern das Recht auf gleichberechtigte Teilhabe.

Digitale Angebote, öffentliche Einrichtungen und Institutionen stehen daher in der Verantwortung, Kommunikationsbarrieren abzubauen. Gebärdensprache ist dabei kein Zusatzangebot, sondern ein Instrument zur Gewährleistung grundlegender Rechte.

Inklusive Kommunikation zwischen hörenden und gehörlosen Menschen